Kapitel 01
Bohr, 1913
Warum das Elektron kein Planet ist
Das Bild kennt jeder: ein Kern in der Mitte, drumherum kleine Kugeln auf elliptischen Bahnen. Es steht in Schulbüchern, auf Firmenlogos, auf Warnschildern für Radioaktivität.
Es ist falsch. Und zwar nicht ungenau oder vereinfacht, sondern grundsätzlich falsch — und man wusste das schon, als es entstand.
Ernest Rutherford hatte 1911 gezeigt, dass ein Atom fast leer ist: ein winziger, schwerer Kern und weit außen die Elektronen. Das legt das Planetenbild nahe. Nur hat es ein Problem, das sich mit einer Rechnung von 1897 sofort erledigen lässt.
Eine elektrische Ladung, die ihre Richtung ändert, strahlt Energie ab. Das ist keine Randnotiz, sondern das Prinzip, nach dem jede Rundfunkantenne arbeitet. Ein Elektron auf einer Kreisbahn ändert ständig seine Richtung. Also strahlt es. Also verliert es Energie. Also fällt es nach innen.
Rechnet man aus, wie lange das dauert, kommt man auf etwa sechzehn Billionstel einer Sekunde.
So lange würde ein Wasserstoffatom existieren, wenn das Planetenbild stimmte. Kein Molekül, keine Chemie, keine Materie. Das Universum wäre nach einem Wimpernschlag ein Nebel aus zusammengefallenen Kernen.
Niels Bohr rettete 1913 die Lage mit einer Behauptung, die er selbst nicht begründen konnte: Es gibt bestimmte Bahnen, auf denen das Elektron einfach nicht strahlt. Warum nicht? Weil es sonst nicht funktioniert.
Das ist unbefriedigend, und Bohr wusste das. Aber es funktionierte erstaunlich gut. Sein Modell sagte die Farben vorher, in denen Wasserstoff leuchtet — auf mehrere Stellen genau, ohne einen einzigen angepassten Wert. Das war zu gut, um Zufall zu sein.
Bei Helium versagte es. Bei jedem Atom mit mehr als einem Elektron versagte es. Bei chemischen Bindungen sagte es überhaupt nichts.
Die Auflösung kam 1924 von einem französischen Doktoranden. Louis de Broglie stellte eine Frage, die im Rückblick offensichtlich wirkt: Wenn Licht sich manchmal wie ein Teilchen verhält — verhält sich dann vielleicht Materie manchmal wie eine Welle?
Rechnet man die Wellenlänge aus, die ein Elektron im Wasserstoffatom nach seiner Formel hätte, kommt etwa 332 Billionstel Meter heraus.
Und jetzt der Umfang der innersten Bohrschen Bahn: ebenfalls 332 Billionstel Meter.
Genau eine Wellenlänge. Nicht ungefähr — genau.
Damit war klar, was Bohrs unbegründete Bahnen eigentlich sind. Es sind die Umläufe, auf die eine ganze Zahl von Wellenlängen passt. Eine Welle, die sich in sich selbst schließt, statt sich auszulöschen. Wie eine Gitarrensaite, die nur bestimmte Töne annimmt — nicht weil ihr etwas verboten wäre, sondern weil alles andere sich selbst zerstört.
Das Elektron kreist also nicht. Es schwingt.
Und damit ist auch die Frage beantwortet, warum das Atom nicht zusammenfällt. Es fällt nicht, weil dort nichts fällt. Eine stehende Welle bewegt sich nicht von A nach B; sie ist einfach da.
Was daraus folgt, ist der Rest dieses Buches.
Die Strahlungskatastrophe
- Startradius
- 52,9 pm
- Absturzzeit
- 1,56 × 10⁻¹¹ s
Ein Wimpernschlag dauert etwa 0,1 s — rund 6,4 × 10⁹ Mal so lang.
t = r₀³ / (4 r_e² c) · r_e = 2,818 × 10⁻¹⁵ m
Was das Bohr-Modell trifft
- Energiedifferenz
- 1,89 eV
- Wellenlänge
- 656,1 nm
- Farbe
- rot
Diese vier Linien sagt das Modell auf drei Stellen genau vorher — und scheitert am nächsten Element.
Kapitel 02
Schrödinger, 1926
Die Schrödinger-Gleichung
Über Weihnachten 1925 fuhr Erwin Schrödinger in ein Alpenhotel bei Arosa und kam mit einer Gleichung zurück, die die Chemie bis heute trägt.
Sein Ausgangspunkt war de Broglies Idee aus dem letzten Kapitel: Materie verhält sich wie eine Welle. Schrödinger fragte weiter — wenn das stimmt, dann muss es eine Gleichung geben, die beschreibt, wie sich diese Welle verhält. Für Schallwellen gibt es eine, für Licht auch. Wie sieht sie für Materie aus?
Was er aufschrieb, sieht komplizierter aus, als es ist. Im Kern sagt die Gleichung: Die Krümmung der Welle an jeder Stelle hängt davon ab, wie viel Energie dort zur Verfügung steht.
Wo ein Teilchen viel Bewegungsenergie hat, schwingt die Welle schnell — enge Wellenberge. Wo wenig Energie zur Verfügung steht, schwingt sie langsam. Und wo gar keine mehr da ist, hört sie auf.
Das Bemerkenswerte daran ist, was dabei ganz von selbst herausfällt.
Bohr musste die erlaubten Zustände noch behaupten. Bei Schrödinger muss man nichts behaupten. Man schreibt die Gleichung hin, man legt fest, wo die Welle sein darf — und dann gibt es nur noch bestimmte Lösungen. Alle anderen passen nicht.
Das Bild dafür ist eine eingespannte Saite. Sie kann nicht beliebig schwingen. An beiden Enden ist sie festgeklemmt, also passen nur bestimmte Schwingungen hinein: eine halbe Welle, eine ganze, anderthalb. Dazwischen gibt es nichts. Nicht weil es verboten wäre, sondern weil eine Schwingung, die nicht hineinpasst, sich selbst auslöscht.
Quantisierung ist damit kein Zusatz zur Theorie, sondern eine Folge davon, dass Wellen in einem begrenzten Raum eingesperrt sind. Beim Atom ist der Käfig die Anziehung des Kerns.
Bleibt die Frage, die Schrödinger selbst nie zufriedenstellend beantwortet hat: Was schwingt da eigentlich?
Er glaubte zunächst, das Elektron sei tatsächlich über den Raum verschmiert — eine Art Ladungswolke, die man mit der Welle direkt beschreiben kann. Das wäre anschaulich gewesen.
Wenige Monate später schlug Max Born etwas anderes vor. Die Welle selbst sei nichts Messbares. Messbar sei nur ihr Quadrat, und das gebe die Wahrscheinlichkeit an, das Elektron an einer bestimmten Stelle zu finden.
Borns Deutung setzte sich durch und ist bis heute Grundlage der Chemie. Schrödinger hat sie zeitlebens abgelehnt. Er soll gesagt haben, hätte er geahnt, dass man diese Sprünge nicht loswird, hätte er sich mit der ganzen Sache nie befasst.
Man sollte wissen, dass dieser Streit nicht wirklich beendet ist. Die Rechnung ist unbestritten und in ihrer Genauigkeit beispiellos. Was die Wellenfunktion *ist*, wird bis heute unterschiedlich beantwortet — als bloßes Rechenmittel, als Beschreibung unseres Wissens, oder als etwas real Existierendes.
Für alles, was in diesem Buch folgt, spielt das keine Rolle. Für die Frage, was ein Orbital eigentlich sein soll, spielt es sehr wohl eine — und darauf kommt Kapitel 13 zurück.
Teilchen im Kasten
- Energie
- 37,6 eV
- Knoten
- 0
- Wellenlänge
- 200,0 pm
Einsperren kostet Energie. Halbiert man den Kasten, vervierfacht sich die Grundenergie.
Die Welle auf dem Ring
- Umfang 2πa₀
- 332,5 pm
- Wellenlänge
- 332,5 pm
- Umfang / Wellenlänge
- 1,00
Die Welle schließt sich sauber — genau das sind Bohrs erlaubte Bahnen.
Kapitel 03
Aufenthaltswahrscheinlichkeit
Was ein Orbital ist
Ein Orbital ist keine Bahn. Das Wort klingt so, es kommt auch daher, aber die Sache ist eine andere.
Fangen wir mit dem an, was man tatsächlich hat. Aus der Gleichung des vorigen Kapitels kommt eine Funktion heraus: Für jeden Punkt im Raum liefert sie eine Zahl. Quadriert man diese Zahl, erhält man die Wahrscheinlichkeitsdichte — ein Maß dafür, wie wahrscheinlich es ist, das Elektron dort anzutreffen.
Mehr ist es nicht. Kein Weg, keine Geschwindigkeit, keine Position zu einem Zeitpunkt. Nur: Wo würde man es finden, wenn man nachsähe.
Wie stellt man so etwas dar? Es gibt drei übliche Wege, und sie zeigen Verschiedenes.
Als Punktwolke. Man malt viele Punkte, dichter dort, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist. Das ist die ehrlichste Darstellung — und die einzige, die nicht suggeriert, es gäbe eine scharfe Grenze.
Als Fläche. Man zeichnet die Fläche ein, innerhalb derer sich das Elektron mit neunzig Prozent Wahrscheinlichkeit aufhält. Das sind die bekannten Kugeln und Hanteln aus Lehrbüchern.
Und hier liegt der häufigste Irrtum: Diese Fläche ist keine Grenze. Außerhalb ist das Elektron nicht ausgeschlossen — es ist dort nur selten. Die Wahrscheinlichkeit fällt nach außen ab, aber sie wird nie exakt null. Streng genommen reicht jedes Orbital bis ans Ende des Universums; man hat sich nur geeinigt, bei neunzig Prozent einen Strich zu ziehen. Bei fünfundneunzig Prozent sähe dieselbe Hantel etwas dicker aus.
Als Kurve über dem Abstand. Man trägt auf, wie wahrscheinlich es ist, das Elektron in einer bestimmten Entfernung vom Kern zu finden.
Diese dritte Darstellung liefert die überraschendste Einsicht des Kapitels, und sie hat mit einem scheinbaren Widerspruch zu tun.
Fragt man, an welchem einzelnen Punkt im Raum die Wahrscheinlichkeitsdichte am höchsten ist, lautet die Antwort: direkt im Kern.
Fragt man, in welchem Abstand vom Kern man das Elektron am ehesten findet, lautet die Antwort: bei 52,9 Billionstel Metern — genau dem Bohr-Radius.
Beides stimmt, und der Widerspruch löst sich mit einer Überlegung, die nichts mit Quantenmechanik zu tun hat.
Stell dir vor, du suchst nach Menschen in einer Stadt. Am dichtesten stehen sie in der Fußgängerzone. Trotzdem wohnen die meisten Menschen nicht dort — denn die Fußgängerzone ist klein, und je weiter man nach außen geht, desto mehr Fläche gibt es.
Beim Atom ist es genauso. Direkt am Kern ist die Dichte am höchsten, aber der Raum dort ist winzig. Weiter außen ist die Dichte geringer, aber es gibt viel mehr Raum. Beides zusammen ergibt ein Maximum in einem bestimmten Abstand.
Dass dieser Abstand genau der Bohr-Radius ist, ist kein Zufall. Es ist der Punkt, an dem sich das alte und das neue Bild treffen: Was bei Bohr ein Kreis war, ist hier der wahrscheinlichste Abstand. Die Zahl bleibt, die Bedeutung ändert sich.
- — Wahrscheinlichkeitsdichte |ψ|²
- — radiale Verteilung 4πr²|ψ|²
- Maximum der radialen Verteilung
- 52,9 pm
- Erwartungswert ⟨r⟩
- 79,4 pm
- Radialknoten
- keine
Die höchste Dichte liegt am Kern. Der wahrscheinlichste Abstand liegt bei 52,9 pm. Beides stimmt — die Kugelschalen weiter außen sind größer.
Ringe gleicher Breite, aber wachsender Fläche: Weiter außen liegt weniger Dichte, doch mehr Platz. Das Produkt aus beidem hat ein Maximum.
Magenta + · Blau − · Violett Knoten · Graphit Kern und Gitter
Kapitel 04
n, l, m, s
Die vier Quantenzahlen
Aus der Rechnung des vorigen Kapitels fällt nicht eine Lösung heraus, sondern unendlich viele. Man braucht eine Ordnung, um sie auseinanderzuhalten — und die besteht aus drei ganzen Zahlen. Eine vierte kommt später dazu, und sie ist die interessanteste.
Die erste Zahl: Wie weit außen?
Sie heißt Hauptquantenzahl und wird n geschrieben. Sie kann 1, 2, 3 und so weiter sein und bestimmt im Wesentlichen zwei Dinge: die Energie und die Größe. Je höher n, desto weiter reicht das Orbital nach außen und desto schwächer ist das Elektron gebunden.
Das ist die Zahl, die in der Chemie am meisten zählt. Sie ist der Grund, warum das Periodensystem Zeilen hat.
Die zweite Zahl: Welche Form?
Sie heißt Nebenquantenzahl, wird l geschrieben und darf alles zwischen null und n minus eins sein. Bei n gleich drei also null, eins oder zwei.
Statt Zahlen benutzt die Chemie hier Buchstaben: null heißt s, eins heißt p, zwei heißt d, drei heißt f. Diese Buchstaben stammen aus der Spektroskopie des neunzehnten Jahrhunderts, wo man Spektrallinien als scharf, prinzipal, diffus und fundamental beschrieb — Beschreibungen ihres Aussehens, lange bevor man wusste, was dahintersteckt.
Diese Zahl bestimmt die Gestalt: s ist kugelförmig, p hat zwei Keulen, d hat meist vier.
Die dritte Zahl: In welche Richtung?
Sie heißt magnetische Quantenzahl, wird m geschrieben und läuft von minus l bis plus l. Für p gibt es also drei Möglichkeiten, für d fünf.
Sie sagt, wie das Orbital im Raum liegt. Solange kein Magnetfeld anliegt, haben alle Ausrichtungen dieselbe Energie — deshalb der Name: Erst im Magnetfeld werden sie unterscheidbar, und genau das sieht man in Spektren als Aufspaltung von Linien.
Und die vierte Zahl.
Die ersten drei kommen aus der Rechnung. Die vierte nicht. Sie kam aus einem Experiment, das nicht aufgehen wollte.
1922 schickten Otto Stern und Walther Gerlach Silberatome durch ein ungleichmäßiges Magnetfeld. Nach der damaligen Theorie hätte der Strahl aufgefächert werden müssen. Stattdessen teilte er sich sauber in zwei — und dazwischen war nichts.
Sichtbar wurde das Ergebnis durch einen Zufall. Der Silberniederschlag auf der Platte war zu dünn, um ihn zu erkennen. Er trat erst hervor, als Stern sich darüberbeugte: Er rauchte billige Zigarren, weil sein Gehalt als Assistent für bessere nicht reichte, und deren Schwefel verwandelte das Silber in tiefschwarzes Silbersulfid. Zwei Physiker haben das 2003 nachgestellt und dabei herausgefunden, dass Sterns eigene Erklärung — es sei sein Atem gewesen — nicht ausreicht. Es brauchte den Rauch.
Fast wäre es gar nicht dazu gekommen. Die Inflation fraß das Geld, und Born finanzierte den Versuch, indem er öffentliche Vorträge über Einstein hielt und Eintritt verlangte. Als auch das nicht mehr reichte, schickte ein Bankier aus New York einen Scheck. Anfang 1922 trafen sich Stern und Gerlach dann und beschlossen aufzugeben — nur ein Eisenbahnerstreik hielt Gerlach fest. Er ging die Aufzeichnungen noch einmal durch, justierte nach, und kurz darauf hatte er das Ergebnis.
Zwei Möglichkeiten, kein Kontinuum. Etwas am Elektron kann genau zwei Zustände annehmen.
Man nennt es Spin, und der Name ist der letzte Rest einer Erklärung, die sich als falsch erwies. Man dachte zunächst an eine Drehung des Elektrons um sich selbst. Rechnet man das durch, müsste sich die Oberfläche eines Elektrons schneller als Lichtgeschwindigkeit bewegen.
Also dreht sich nichts. Der Spin ist eine Eigenschaft, für die es in unserer Anschauung kein Bild gibt — ein Elektron hat ihn wie es eine Masse und eine Ladung hat.
Und aus dieser vierten Zahl folgt die vielleicht folgenreichste Regel der Chemie überhaupt. Wolfgang Pauli formulierte 1925: Keine zwei Elektronen in einem Atom dürfen in allen vier Zahlen übereinstimmen.
Daraus folgt: In jedes Orbital passen genau zwei Elektronen. Nicht drei, nicht eines. Zwei — mit entgegengesetztem Spin.
Man sollte kurz innehalten, was das bedeutet. Ohne diese Regel würden alle Elektronen in den untersten Zustand fallen. Alle Atome sähen im Wesentlichen gleich aus. Es gäbe keine Schalen, keine Perioden, keine Gruppen, keine Chemie.
Dass Materie überhaupt Struktur hat und Volumen einnimmt, geht auf ein Verbot zurück, das erst 1940 von Pauli selbst aus tieferliegenden Prinzipien hergeleitet werden konnte.
Die Auswahl
Nebenquantenzahl ℓ
Magnetquantenzahl m
Spin s
- Orbitale zu n — n²
- 4
- Elektronen — 2n²
- 8
- Gesamt bis einschließlich n
- 10
2p · m = 0 · +½
Drei Zahlen kommen aus der Gleichung. Die vierte kam aus einem Experiment.
Kapitel 05
Die Gestalt der Orbitale
s, p, d und f
Jetzt zu den Bildern, die jeder aus dem Chemieunterricht kennt: die Kugel, die Hantel, das Kleeblatt.
Bevor wir sie einzeln durchgehen, ein Satz zu ihrer Herkunft, der überrascht.
Diese Formen haben mit dem Atom weniger zu tun, als man denkt. Sie sind keine Eigenschaft des Wasserstoffatoms, sondern eine Eigenschaft der Kugelsymmetrie. Jedes Problem, bei dem eine Kraft von einem Zentrum ausgeht und in alle Richtungen gleich wirkt, hat dieselben Winkelformen. Sie beschreiben die Schwingungen einer Kugeloberfläche, und sie tauchen bei der Wärmeausbreitung, in der Akustik und bei der Beschreibung des Erdmagnetfelds genauso auf.
Man kann sie sich als die Obertöne einer Kugel vorstellen. Was bei einer Saite die Grundschwingung und ihre Oberschwingungen sind, sind hier diese Formen.
s: die Kugel.
Keine Vorzugsrichtung, in alle Richtungen gleich. Es gibt genau eine davon.
Das ist das Orbital, das es im Bohrschen Modell nicht geben durfte — ein Zustand ohne Bahndrehimpuls. Ein Elektron, das im alten Bild kreiste, hätte immer einen Drehimpuls gehabt. Hier ist er exakt null. Das war einer der ersten klaren Belege dafür, dass das Bahnbild nicht trägt.
p: die Hantel.
Zwei Keulen, die sich am Kern berühren, wie eine Acht in drei Dimensionen. Genau am Kern ist die Wahrscheinlichkeit null — das Elektron ist dort nie anzutreffen.
Davon gibt es drei Stück, entlang der drei Raumrichtungen. Nicht zwei, nicht vier. Drei, weil der Raum drei Dimensionen hat.
d: das Kleeblatt.
Meist vier Keulen, die diagonal zwischen den Achsen liegen. Davon gibt es fünf.
Eines fällt aus der Reihe. Vier der fünf sehen aus wie Kleeblätter, das fünfte hat zwei Keulen entlang einer Achse und dazu einen Ring in der Mitte. Es sieht aus wie ein Fremdkörper.
Ist es nicht. Es ist eine Rechenkonvention. Man könnte sechs kleeblattförmige d-Orbitale hinschreiben, aber eines davon wäre aus den anderen fünf zusammensetzbar und damit überflüssig. Statt willkürlich eines wegzulassen, kombiniert man zwei zu der Form mit dem Ring. Die merkwürdige Gestalt ist der Preis dafür, dass man fünf gleichberechtigte Orbitale statt sechs abhängiger haben will.
f: kompliziert.
Sieben Stück, mit Formen, die sich schwer beschreiben lassen. Sie sind für die Chemie der Lanthanoide und Actinoide zuständig.
Und jetzt zur Anzahl, denn die ist kein Zufall: eins, drei, fünf, sieben. Immer ungerade, immer zwei mehr.
Das kommt daher, dass jede Form eine Richtung im Raum auszeichnet — außer der Kugel, die keine hat. Je komplizierter die Form, desto mehr Möglichkeiten, sie zu drehen, ohne dass etwas Neues entsteht. Die Zahlen zählen diese Möglichkeiten.
Zum Schluss ein Größenvergleich, der oft untergeht. Diese Formen werden meist alle gleich groß gezeichnet. Sie sind es nicht. Ein 3s-Orbital reicht deutlich weiter nach außen als ein 2p, und ein 4f liegt tief innen, obwohl seine Hauptquantenzahl hoch ist. Genau das erklärt, warum die Lanthanoide chemisch so ähnlich sind: Ihre f-Elektronen sitzen unter den äußeren Schalen und nehmen an Bindungen kaum teil.
- Radialknoten — n − ℓ − 1
- 0
- Winkelknoten — ℓ
- 1
- Erwartungswert ⟨r⟩
- 264,6 pm
Gemeinsamer Maßstab — die Größenunterschiede bleiben sichtbar.
Diese Formen sind keine Eigenschaft des Atoms, sondern der Kugelsymmetrie. Dieselben Funktionen beschreiben Schwingungen einer Kugelschale und das Erdmagnetfeld.
Kapitel 06
Wo die Wellenfunktion null wird
Knoten und Vorzeichen
In den Bildern des vorigen Kapitels waren die Keulen verschieden eingefärbt. Das war keine Gestaltungsfrage. Es ist der wichtigste Punkt dieses Buches, und er wird oft nebenbei erwähnt.
Zurück zur Saite aus Kapitel 1. Wenn sie schwingt, gibt es Stellen, die sich nicht bewegen — die Enden, und bei höheren Tönen auch Punkte dazwischen. Man nennt sie Knoten. Und beiderseits eines Knotens schwingt die Saite gegenläufig: Wenn links oben ist, ist rechts unten.
Eine Welle hat also nicht nur eine Höhe, sondern auch ein Vorzeichen.
Bei einem Orbital ist das genauso. Die Wellenfunktion ist an manchen Stellen positiv, an anderen negativ, und dazwischen liegen Flächen, auf denen sie exakt null ist.
Jetzt der Punkt, an dem viele stolpern: Das Vorzeichen selbst ist nicht messbar.
Was man messen kann, ist die Aufenthaltswahrscheinlichkeit, und die ist das Quadrat. Quadrieren macht aus minus plus. Ob ein Orbital an einer Stelle positiv oder negativ ist, sieht man dem Elektron nicht an.
Man könnte also fragen, wozu man sich damit aufhält.
Die Antwort ist der Grund, warum dieses Kapitel existiert. Sobald zwei Wellen aufeinandertreffen, ist das Vorzeichen alles.
Zwei Wellenberge, die sich treffen, verstärken sich. Ein Berg und ein Tal löschen sich aus. Das ist im Wasser so, beim Schall, beim Licht — und bei Elektronen genauso.
Wenn zwei Atome sich nähern und ihre Orbitale mit gleichem Vorzeichen überlappen, verstärkt sich die Wellenfunktion dazwischen. Es sammelt sich Elektronendichte zwischen den Kernen an, und diese negative Ladung zieht beide positiven Kerne an. Das ist eine Bindung.
Überlappen sie mit entgegengesetztem Vorzeichen, löschen sie sich zwischen den Kernen aus. Dort entsteht eine Fläche ohne Elektronen. Die Kerne sehen einander ungeschirmt und stoßen sich ab.
Dasselbe Paar Orbitale. Einmal Bindung, einmal Abstoßung. Der einzige Unterschied ist ein Vorzeichen, das man nicht messen kann.
Deshalb sind die Farben in diesem Buch durchgehend gleich vergeben. Was magenta ist, hat das eine Vorzeichen, was blau ist, das andere. Ab Kapitel 11 genügt ein Blick auf die Farben, um zu sehen, ob eine Bindung entsteht oder nicht.
Noch kurz zu den Knotenflächen selbst, weil ihre Zahl einer einfachen Regel folgt.
Es gibt zwei Sorten. Kugelschalen, auf denen die Wellenfunktion null wird — die entstehen, wenn die Hauptquantenzahl größer wird. Und Flächen durch den Kern, die von der Form herrühren: Eine p-Hantel hat eine, ein d-Kleeblatt zwei.
Zusammengezählt ergibt das immer n minus eins. Ein 1s-Orbital hat null Knoten, ein 2p-Orbital einen, ein 3d-Orbital zwei. Mehr Knoten bedeutet mehr Krümmung der Welle, und mehr Krümmung bedeutet mehr Energie — genau wie bei der Saite, wo höhere Töne mehr Knoten haben.
Die Ordnung der Energieniveaus ist damit im Grunde eine Frage des Abzählens von Knoten.
Schnittbild
- Radialknoten — n − ℓ − 1
- 1
- Winkelknoten — ℓ
- 1
- Gesamt — n − 1
- 2
Das Orbital ist um z symmetrisch — das Schnittbild ändert sich beim Drehen nicht.
Zwei 1s-Orbitale — worauf es hinausläuft
- Dichte im Mittelpunkt
- 0,425
- Knotenfläche in der Mitte
- keine
Dieselben zwei Orbitale, derselbe Abstand. Der einzige Unterschied ist ein Vorzeichen — und es entscheidet über Bindung oder Abstoßung.
Kapitel 07
Wo die exakte Lösung endet
Mehr als ein Elektron
Alles bisher Gesagte gilt exakt — für Wasserstoff. Ein Kern, ein Elektron.
Beim Helium ist Schluss.
Nicht weil die Rechnung schwieriger würde, sondern weil sie unmöglich wird. Und der Grund dafür ist über dreihundert Jahre alt und hat mit Quantenmechanik nichts zu tun.
Er heißt Dreikörperproblem. Newton konnte die Bahn eines Planeten um die Sonne exakt ausrechnen. Bei zwei Planeten, die sich zusätzlich gegenseitig anziehen, gelang es ihm nicht. Es lag nicht an ihm — 1887 wurde bewiesen, dass es allgemein keine geschlossene Lösung gibt.
Beim Helium haben wir denselben Fall: zwei Elektronen, die beide vom Kern angezogen werden und sich zusätzlich gegenseitig abstoßen. Jedes bewegt sich nach Maßgabe des anderen, und der andere bewegt sich nach Maßgabe des einen.
Das heißt: Für jedes Atom außer Wasserstoff gibt es keine exakte Lösung. Für kein einziges. Alles, was in Lehrbüchern über Sauerstoff oder Eisen steht, beruht auf Näherungen.
Der Ausweg, den man gefunden hat, ist so pragmatisch wie wirksam.
Statt zu berechnen, wie sich jedes Elektron nach jedem einzelnen anderen richtet, tut man so, als bewege sich jedes Elektron in einem gemittelten Feld aller übrigen. Die Elektronen sehen einander nicht mehr einzeln, sondern nur noch als verschmierte Wolke.
Damit kann man rechnen, und man bekommt wieder Orbitale — allerdings nicht mehr exakte, sondern genäherte.
Der wichtigste Effekt dabei heißt Abschirmung. Ein äußeres Elektron im Natriumatom spürt nicht die volle elfache Kernladung, denn zwischen ihm und dem Kern sitzen zehn andere Elektronen, die einen Teil davon abfangen. Es spürt effektiv nur etwa das Zweifache.
Genau deshalb ist Natrium so reaktionsfreudig: Sein äußeres Elektron ist kaum festgehalten.
Und daraus folgt etwas, das im Wasserstoffatom nicht vorkam.
Dort hatten alle Orbitale mit gleicher Hauptquantenzahl dieselbe Energie — 2s und 2p waren gleichwertig. Bei allen anderen Atomen ist das nicht mehr so. Ein s-Orbital hat eine hohe Aufenthaltswahrscheinlichkeit nahe am Kern; es dringt zwischen die inneren Elektronen und spürt dort mehr Kernladung. Ein p-Orbital tut das weniger, ein d-Orbital noch weniger.
Also gilt: 2s liegt tiefer als 2p. 3s tiefer als 3p, das tiefer als 3d.
Diese Aufspaltung ist der Grund, warum das Periodensystem so aussieht, wie es aussieht. Ohne sie wären alle acht Elemente der zweiten Periode chemisch kaum unterscheidbar.
Bleibt ein Punkt, den man im Kopf behalten sollte, weil Kapitel 13 darauf zurückkommt.
Die Orbitale, die man in der Chemie tatsächlich verwendet, sind nicht die exakten Lösungen aus den ersten Kapiteln. Es sind die Lösungen eines Ersatzproblems, in dem jedes Elektron ein gemitteltes Feld sieht. Sie sind außerordentlich brauchbar — aber sie sind ein Werkzeug, kein Fund.
Effektivladung nach Slater
- Kernladungszahl Z
- 6
- Abschirmkonstante S
- 2,75
- Effektive Kernladung Z_eff
- 3,25
- Konfiguration
- 1s² 2s² 2p²
Die Slaterschen Regeln sind an Messwerte angepasst, nicht abgeleitet. Sie liefern Größenordnungen, keine genauen Werte.
Aufhebung der Entartung
Im Wasserstoff sind 2s und 2p gleichwertig. In jedem anderen Atom nicht — und daraus folgt der Aufbau des Periodensystems.
Kapitel 08
Aufbauprinzip und Ausnahmen
Das Periodensystem als Folge
Mendelejew ordnete 1869 die Elemente nach ihrem Gewicht und stellte fest, dass sich ihre Eigenschaften in regelmäßigen Abständen wiederholen. Warum, wusste er nicht. Er ließ Lücken für Elemente, die noch niemand gefunden hatte, und sagte ihre Eigenschaften voraus — was ihm zunächst Spott einbrachte, bis man sie fand.
Die Erklärung kam sechzig Jahre später, und sie besteht aus drei Regeln.
Erste Regel: von unten auffüllen. Elektronen besetzen zuerst die energetisch tiefsten Orbitale.
Zweite Regel: zwei pro Orbital. Das ist das Pauli-Prinzip aus Kapitel 4, mit entgegengesetztem Spin.
Dritte Regel: erst verteilen, dann paaren. Stehen mehrere gleichwertige Orbitale zur Verfügung — etwa die drei p-Orbitale —, so besetzt jedes zunächst ein einzelnes Elektron, bevor eines doppelt belegt wird. Und diese einzelnen Elektronen haben alle denselben Spin.
Die dritte Regel klingt willkürlich und ist es nicht. Sie hat zwei Gründe. Der offensichtliche: Zwei Elektronen im selben Orbital sitzen einander im Weg und stoßen sich ab. Der weniger offensichtliche stammt aus Kapitel 7: Elektronen gleichen Spins meiden einander ohnehin — nicht aus elektrischen Gründen, sondern weil die Mathematik der Antisymmetrie es erzwingt. Sie kommen sich seltener nahe und stoßen sich deshalb weniger ab.
Mit diesen drei Regeln lässt sich das Periodensystem aufbauen. Und die Struktur, die dabei entsteht, ist genau die, die Mendelejew gefunden hatte.
Die Zeilen entsprechen den Hauptquantenzahlen. Die Blöcke entsprechen den Orbitaltypen: zwei Spalten für die s-Orbitale, sechs für die p, zehn für die d, vierzehn für die f. Zwei, sechs, zehn, vierzehn — das sind genau die doppelten Zahlen aus Kapitel 5.
Das Periodensystem ist also kein Ordnungsschema, das jemand erfunden hat. Es ist eine ausgedruckte Tabelle der Lösungen einer Differentialgleichung.
Eine Unregelmäßigkeit fällt sofort auf. Nach der zweiten Periode kommen nicht die 3d-Orbitale an die Reihe, sondern 4s. Kalium und Calcium füllen 4s, und erst danach beginnt die Reihe der Übergangsmetalle mit 3d.
Der Grund liegt in Kapitel 7: 4s dringt näher an den Kern heran als 3d, wird weniger abgeschirmt und liegt daher tiefer. Die Reihenfolge folgt nicht der Hauptquantenzahl, sondern der tatsächlichen Energie.
Und dann gibt es die Ausnahmen von den Ausnahmen. Chrom sollte laut Regel vier d-Elektronen und zwei s-Elektronen haben. Es hat fünf und eines. Kupfer sollte neun und zwei haben. Es hat zehn und eines.
Beide Male gewinnt das Atom dadurch eine halb- oder vollbesetzte d-Schale — und die ist kugelsymmetrisch, wie der Satz von Unsöld aus Kapitel 5 zeigt. Die dabei gewonnene Stabilität übertrifft den Aufwand, ein Elektron umzusetzen.
Man sollte allerdings wissen, dass diese Erklärung umstritten ist. Sie steht in vielen Lehrbüchern, und neuere Rechnungen zeigen, dass sie den Sachverhalt bestenfalls zur Hälfte trifft. Es gibt etwa zwanzig solcher Ausnahmen im Periodensystem, und für einige davon gibt es bis heute keine einfache Begründung.
Das ist kein Makel. Es zeigt, dass das Aufbauprinzip eine Faustregel ist und keine Ableitung.
- ▪ s-Block · 2 Spalten
- ▪ p-Block · 6 Spalten
- ▪ d-Block · 10 Spalten
- ▪ f-Block · 14 Spalten
C — Kohlenstoff
1s² 2s² 2p²
In jeder Unterschale werden erst alle Orbitale einfach besetzt — parallele Pfeile —, bevor gepaart wird.
Kapitel 09
Das Wasserstoffmolekül-Ion
Warum Atome sich verbinden
Die Frage klingt einfach und ist es nicht: Warum halten zwei Atome zusammen?
Die Antwort, die man meist hört, lautet: Weil die Elektronen zwischen den Kernen sitzen und beide anziehen. Das ist nicht falsch, aber es ist unvollständig — und die fehlende Hälfte ist die interessantere.
Nehmen wir den einfachsten Fall, den es gibt: zwei Wasserstoffkerne und ein einziges Elektron. Das ist kein Gedankenexperiment, sondern ein real existierendes Teilchen, das Wasserstoffmolekül-Ion. Und es ist stabil, obwohl von einem Elektronenpaar keine Rede sein kann.
Was passiert, wenn sich die beiden Kerne nähern?
Zunächst gewinnt das Elektron etwas. Es war vorher an einen Kern gebunden, jetzt kann es sich um beide aufhalten. Es hat mehr Platz.
Und genau hier liegt der Punkt, den die übliche Erklärung auslässt.
Mehr Platz bedeutet für eine Welle: längere Wellenlänge. Denk an die Saite aus Kapitel 1 — eine längere Saite schwingt tiefer. Und tiefer heißt weniger Energie.
Ein Elektron, das sich über zwei Kerne ausbreiten darf, ist wie eine Welle in einem größeren Kasten. Es kostet weniger Energie, dort zu sein.
Das ist der eigentliche Grund für die chemische Bindung. Nicht in erster Linie die Anziehung durch zwei Kerne, sondern die Tatsache, dass ein Elektron sich ausbreiten darf und dabei ruhiger schwingen kann.
Man kann sich das als Erleichterung vorstellen. Ein eingesperrtes Elektron ist unruhig; je enger der Käfig, desto unruhiger. Wird der Käfig größer, wird es ruhiger, und Ruhe bedeutet weniger Energie.
Warum fallen die Kerne dann nicht ganz zusammen?
Weil zwei Dinge dagegenhalten. Die beiden positiven Kerne stoßen sich ab, und diese Abstoßung wächst rasch, wenn sie sich nahekommen. Und das Elektron wird bei sehr kleinen Abständen wieder eingeengt statt ausgebreitet.
Aus beidem ergibt sich ein Gleichgewicht bei einem bestimmten Abstand. Genau dieser Abstand ist die Bindungslänge.
Für das Wasserstoffmolekül-Ion liegt sie bei 106 Billionstel Metern, und man müsste 2,79 Elektronenvolt aufwenden, um es auseinanderzureißen. Beide Werte lassen sich exakt ausrechnen und stimmen mit der Messung überein — es ist der einzige Fall in der ganzen Chemie, in dem das gelingt.
Ein Wort noch zu dem Teil der Erklärung, den man weglassen sollte, wenn man es genau nimmt.
Man liest oft, die Bindung entstehe dadurch, dass Elektronendichte zwischen die Kerne wandert und beide anzieht. Rechnungen zeigen, dass das die Sache nicht vollständig trifft. Der wesentliche Beitrag kommt daraus, dass das Elektron sich ausbreiten darf und dabei kinetische Energie spart. Die Umverteilung der Dichte ist eher Folge als Ursache.
Die Frage, wie man das anschaulich richtig erzählt, ist unter Chemikern seit Jahrzehnten strittig. Beide Darstellungen finden sich in aktuellen Lehrbüchern.
- Gesamtenergie
- -16,40 eV
- Kinetischer Anteil ⟨T⟩
- 16,40 eV
- Potentieller Anteil ⟨V⟩
- -32,79 eV
- — exakt · 106 pm · 2,79 eV
- — LCAO einfach · 132 pm · 1,77 eV
- — LCAO mit Anpassung · 106 pm · 2,35 eV
Der Vergleich der drei Kurven zeigt, wie weit eine einfache Näherung trägt: Die Bindung erscheint, die Zahlen stimmen nicht.
Kapitel 10
sp, sp², sp³
Hybridisierung
Methan hat vier gleiche Bindungen. Das ist gemessen, unstrittig und für dieses Kapitel das Problem.
Denn schaut man sich an, was Kohlenstoff anzubieten hat, passt das nicht. Ein 2s-Orbital, kugelförmig. Drei 2p-Orbitale, hantelförmig, senkrecht zueinander. Vier Orbitale also — aber eines davon hat eine völlig andere Form und eine andere Energie als die anderen drei.
Nach diesem Bild müsste Methan drei Bindungen im rechten Winkel haben und eine vierte, die anders aussieht. Tatsächlich sind alle vier gleich lang, gleich stark, und die Winkel dazwischen betragen 109,5 Grad.
Linus Pauling schlug 1931 einen Ausweg vor, der auf den ersten Blick wie ein Taschenspielertrick wirkt.
Man mische die vier Orbitale. Aus einem s und drei p mache man vier neue, die alle gleich aussehen — vier Keulen, die vom Kern aus in die Ecken eines Tetraeders zeigen. Der Winkel zwischen ihnen: 109,5 Grad.
Genau der gemessene Wert.
Das Verfahren funktioniert auch anders. Mischt man s mit nur zwei p, bleiben drei Keulen in einer Ebene mit 120 Grad dazwischen — das ist Ethen, und die Doppelbindung erklärt sich aus dem übrig gebliebenen p-Orbital. Mischt man s mit einem p, bleiben zwei Keulen in einer Linie, 180 Grad — das ist Ethin.
Drei Mischungsverhältnisse, drei Geometrien, und alle drei sind die tatsächlich beobachteten.
Und jetzt der Punkt, der oft unterschlagen wird.
Es passiert dabei nichts.
Das Atom mischt nicht seine Orbitale. Kein Kohlenstoffatom hybridisiert, bevor es eine Bindung eingeht. Es gibt keinen Zeitpunkt, keinen Vorgang, keine Energie, die dafür aufgewendet würde.
Was Pauling gemacht hat, ist eine Rechenoperation. Er hat vier Lösungen der Schrödinger-Gleichung genommen und daraus vier andere gebildet. Das darf man, weil Summen von Lösungen wieder Lösungen sind — und es ändert an der Gesamtbeschreibung nichts. Man beschreibt dieselbe Elektronenverteilung mit anderen Bausteinen.
Der Vergleich, der es trifft: Man kann einen Ort in einer Stadt mit Straße und Hausnummer angeben oder mit Koordinaten. Beides beschreibt denselben Ort. Welche Angabe nützlicher ist, hängt davon ab, was man vorhat.
Genau so ist es hier. Die ungemischten Orbitale eignen sich für Fragen nach Energie und Spektroskopie. Die gemischten eignen sich für Fragen nach Geometrie und Bindungen. Beide beschreiben dasselbe Atom.
Man findet in Lehrbüchern häufig Formulierungen wie "das Atom promoviert ein Elektron und hybridisiert dann". Das ist als Merkhilfe gemeint und beschreibt keinen Vorgang. Es gibt keine Beobachtung, die einen solchen Ablauf zeigen würde.
Manche Fachleute halten den Begriff deshalb für didaktisch schädlich und schlagen vor, gleich mit Molekülorbitalen zu arbeiten — dem Thema des nächsten Kapitels. Andere halten dagegen, dass Hybridorbitale die Geometrie und die lokalisierten Bindungsvorstellungen der organischen Chemie so gut abbilden, dass ihr Nutzen den begrifflichen Preis rechtfertigt.
Beide Seiten haben recht in dem, was sie behaupten. Der Streit betrifft die Frage, was man zuerst lernen sollte, nicht die Physik.
Der Mischungsregler
- s-Anteil
- 25,0 %
- p-Anteil
- 75,0 %
- Winkel cos θ = −a/(1−a)
- 109,47°
Der gemessene Bindungswinkel des Wassers entspricht keinem ganzzahligen Mischungsverhältnis.
Die Geometrie
- Hybride
- 4
- p-Orbitale übrig
- 0
- Geometrie
- tetraedrisch
- Beispiel
- Methan
Die Animation zeigt eine Rechenoperation, keinen Vorgang. Kein Atom durchläuft diesen Übergang.
Kapitel 11
Bindend und antibindend
Molekülorbitale
Jetzt zahlt sich Kapitel 6 aus.
Dort ging es um das Vorzeichen der Wellenfunktion — eine Größe, die man nicht messen kann und die trotzdem entscheidet, ob eine Bindung entsteht. Hier ist die Anwendung.
Zwei Wasserstoffatome nähern sich. Jedes bringt ein 1s-Orbital mit. Was passiert?
Man könnte meinen: Sie überlappen, fertig. Tatsächlich passiert etwas anderes, und es ist der Kern der ganzen Bindungstheorie.
Aus zwei Orbitalen werden zwei neue. Nicht eines. Zwei.
Das erste entsteht, wenn beide mit gleichem Vorzeichen zusammenkommen. Die Wellen verstärken sich zwischen den Kernen, dort sammelt sich Elektronendichte, und die Energie sinkt. Das ist das bindende Molekülorbital.
Das zweite entsteht, wenn sie mit entgegengesetztem Vorzeichen zusammenkommen. Die Wellen löschen sich zwischen den Kernen aus. Dort liegt eine Fläche ohne Elektronen. Die Energie steigt. Das ist das antibindende Molekülorbital.
Und jetzt die Unsymmetrie, die man kennen sollte: Das antibindende Orbital liegt weiter oben, als das bindende unten liegt. Der Aufstieg ist steiler als der Abstieg.
Das hat eine Folge, die man in einem Satz zusammenfassen kann: Sind beide besetzt, überwiegt die Abstoßung. Zwei Heliumatome bringen vier Elektronen mit, zwei in das bindende, zwei in das antibindende — und weil das antibindende mehr kostet, als das bindende einbringt, bleibt unterm Strich Abstoßung. Deshalb gibt es kein He₂.
Damit lässt sich abzählen, wie stark eine Bindung ist. Man nimmt die Elektronen in bindenden Orbitalen, zieht die in antibindenden ab und halbiert.
H₂ hat zwei bindende, null antibindende — Bindungsordnung eins. Eine Einfachbindung.
He₂ hätte zwei und zwei — Bindungsordnung null. Kein Molekül.
Stickstoff kommt auf drei. Eine Dreifachbindung, und tatsächlich ist N₂ eines der stabilsten Moleküle überhaupt.
Und dann ist da Sauerstoff.
Nach der Strichformel, die man in der Schule lernt, hat O₂ eine Doppelbindung, und alle Elektronen sind paarweise angeordnet. Ein Molekül mit lauter Paaren sollte von einem Magneten nicht angezogen werden.
Flüssiger Sauerstoff bleibt zwischen den Polen eines Magneten hängen.
Das ist kein Kuriosum, sondern eine der klarsten Bestätigungen dieser Theorie. Rechnet man O₂ mit Molekülorbitalen durch, landen die letzten beiden Elektronen in zwei gleichwertigen antibindenden Orbitalen — und nach der Regel aus Kapitel 8 besetzen sie diese einzeln, mit parallelem Spin.
Zwei ungepaarte Elektronen. Das Molekül ist magnetisch.
Die Strichformel sagt das nicht vorher. Sie kann es nicht. Und die Molekülorbitaltheorie sagt es voraus, ohne dass man etwas anpassen müsste.
Die Aufspaltung ist unsymmetrisch gezeichnet: Der antibindende Zustand steigt stärker, als der bindende sinkt. Ursache ist die Überlappung im Nenner der Normierung — sie schwächt den bindenden und verstärkt den antibindenden Term.
- Bindungsordnung
- 2,0
- Ungepaarte Elektronen
- 2
- Magnetisches Verhalten
- paramagnetisch
- Bindungslänge
- 121 pm
- Bindungsenergie
- 498 kJ/mol
Kapitel 12
Mesomerie und Delokalisierung
Wenn ein Bild nicht reicht
Benzol besteht aus sechs Kohlenstoffatomen im Ring, jedes mit einem Wasserstoff. Nach den Regeln der Strichformel müsste es abwechselnd Einfach- und Doppelbindungen haben — anders geht die Rechnung nicht auf.
Nur: Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu zeichnen. Man kann bei der ersten Bindung mit einer Doppelbindung anfangen oder bei der zweiten. Beide Zeichnungen sind gleich richtig und zeigen verschiedene Moleküle.
Die Messung sagt: Beide sind falsch.
Alle sechs Bindungen im Benzol sind exakt gleich lang. 139 Billionstel Meter — und das liegt genau zwischen einer normalen Einfachbindung mit 154 und einer Doppelbindung mit 134. Es gibt keine langen und kurzen Bindungen. Es gibt sechs gleiche.
Der übliche Ausweg lautet: Das Molekül sei ein Mittelding aus beiden Zeichnungen, es „schwinge“ zwischen ihnen hin und her.
Diese Formulierung ist falsch, und sie ist der häufigste Irrtum der organischen Chemie.
Nichts schwingt. Nichts wechselt. Es gibt keinen Zeitpunkt, zu dem das Molekül die eine Anordnung hätte, und keinen späteren, zu dem es die andere hätte. Das Molekül ist immer dasselbe und hat immer sechs gleiche Bindungen.
Der Vergleich, der es trifft, stammt von einem Chemiker des zwanzigsten Jahrhunderts: Ein Nashorn ist keine Kreuzung aus Drache und Einhorn, die zwischen beiden hin- und herwechselt. Es ist ein Nashorn. Wir haben nur kein besseres Wort dafür und behelfen uns mit zwei Bildern, die wir kennen.
Genau das ist hier der Fall. Unsere Strichformeln können nur zwei Elektronen zwischen zwei Atomen darstellen. Benzol funktioniert anders — und statt die Notation zu ändern, zeichnen wir zwei falsche Bilder und sagen, das richtige liege irgendwo dazwischen.
Was tatsächlich vorliegt, beschreibt das vorige Kapitel.
Die sechs übrig gebliebenen p-Orbitale — eines pro Kohlenstoffatom, senkrecht zum Ring — überlappen nicht paarweise, sondern alle miteinander. Es entstehen sechs Molekülorbitale, die sich über den gesamten Ring erstrecken. Drei davon sind bindend und werden mit den sechs Elektronen besetzt.
Das Ergebnis sind zwei Elektronenwolken, eine über und eine unter der Ringebene. Keine einzelnen Bindungen, sondern ein durchgehender Belag.
Und das ist nicht nur eine schönere Beschreibung, sondern eine energetisch bessere Lage. Benzol ist um etwa 150 Kilojoule pro Mol stabiler, als es drei getrennte Doppelbindungen wären. Diesen Betrag nennt man Delokalisierungsenergie, und er ist der Grund, warum aromatische Verbindungen sich chemisch anders verhalten als normale ungesättigte.
Eine Warnung zum Schluss, weil sie oft fehlt.
Man liest häufig, die Stabilität des Benzols komme allein von den Elektronen im Ring. Rechnungen der letzten Jahrzehnte deuten darauf hin, dass die Sache komplizierter ist: Das Gerüst der Einfachbindungen bevorzugt von sich aus den regelmäßigen Sechsring, während das Elektronensystem allein sogar zu abwechselnden Bindungslängen tendieren würde.
Ob die Gleichheit der Bindungen also von den Ringelektronen erzwungen wird oder vom Gerüst, ist unter Fachleuten strittig. Die Beobachtung — sechs gleiche Bindungen, hohe Stabilität — ist unbestritten. Die Zuschreibung der Ursache ist es nicht.
Beide falsch. Der Pfeil bezeichnet keine Umwandlung.
- System
- Benzol · 6 π-Elektronen
- Gesamtenergie
- 6 α + 8 β
- Delokalisierungsenergie
- 2 β
- Hückel-Regel 4n+2
- erfüllt
Die Höhe jeder Ecke über der Mitte gibt das Niveau in Einheiten von β: unten die bindenden, oben die antibindenden.
Gemessene Delokalisierungsenergie etwa 150 kJ/mol. Ob die Gleichheit der Bindungen vom Pi-System oder vom Sigma-Gerüst erzwungen wird, ist fachlich umstritten.
Kapitel 13
Ein Modell, kein Gegenstand
Was Orbitale nicht sind
Zwölf Kapitel lang haben wir mit Orbitalen gearbeitet. Dieses Kapitel handelt davon, womit genau.
Fangen wir mit dem an, was gesichert ist. Für Wasserstoff — ein Kern, ein Elektron — sind die Orbitale exakte Lösungen der Schrödinger-Gleichung. Kein Kompromiss, keine Näherung. Sie sind so real wie irgendetwas in der Quantenmechanik real sein kann.
Für alles andere gilt das nicht.
Kapitel 7 hat es gezeigt: Sobald zwei Elektronen im Spiel sind, gibt es keine exakte Lösung mehr. Was man stattdessen hat, ist eine Gesamtwellenfunktion aller Elektronen zusammen. Die Zerlegung in einzelne Orbitale — eines für dieses Elektron, eines für jenes — ist eine Entscheidung, die man beim Rechnen trifft.
Und diese Entscheidung ist nicht eindeutig. Kapitel 10 hat es vorgeführt: Man kann dieselbe Elektronenverteilung mit lokalisierten Hybridorbitalen oder mit delokalisierten Molekülorbitalen beschreiben. Beide Sätze liefern exakt dieselbe Gesamtwellenfunktion, dieselbe Energie, dieselben messbaren Größen.
Wenn zwei verschiedene Sätze von Orbitalen dasselbe Molekül beschreiben — welcher ist dann der richtige?
Die Frage hat keine Antwort, weil sie falsch gestellt ist. Orbitale sind keine Gegenstände, die ein Molekül besitzt. Sie sind Bausteine einer Beschreibung, und man darf die Bausteine wechseln.
Damit zu einer Meldung, die 2013 durch die Presse ging.
Ein niederländisches Team veröffentlichte Aufnahmen, die als „fotografierte Orbitale" beschrieben wurden. Man sah Ringe und Knoten, genau wie in den Lehrbuchbildern.
Was tatsächlich gemessen wurde, war die Knotenstruktur angeregter Zustände des Wasserstoffatoms — also des einen Falls, in dem Orbitale exakte Lösungen sind. Und gemessen wurde nicht die Wellenfunktion, sondern eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, aufgebaut aus vielen einzelnen Messungen an vielen einzelnen Atomen.
Das ist eine bemerkenswerte experimentelle Leistung. Es ist nicht die Fotografie eines Orbitals, und die Vorzeichen aus Kapitel 6 sind darauf nicht zu sehen — sie können es prinzipiell nicht sein.
Ähnliches gilt für Meldungen über Orbitale in Molekülen und Festkörpern. Gemessen wird dort die Elektronendichte, und die ist eine echte, beobachtbare Größe. Aus ihr lassen sich die Orbitale aber nicht eindeutig zurückrechnen — verschiedene Sätze ergeben dieselbe Dichte.
Was folgt daraus für die Chemie? Wenig, und das ist der Punkt.
Ein Werkzeug wird nicht dadurch schlechter, dass es ein Werkzeug ist. Orbitale sagen Geometrien voraus, erklären Spektren, ordnen das Periodensystem und liefern die Regeln, nach denen Reaktionen ablaufen. Sie tun das seit hundert Jahren zuverlässig.
Man sollte nur wissen, dass man beim Zeichnen eines Orbitals eine Rechengröße zeichnet und nicht ein Ding. Der Unterschied fällt selten auf. Aber er fällt genau dann auf, wenn jemand fragt, welches der beiden gleichwertigen Bilder denn nun das echte sei — und man merkt, dass die Frage nirgendwohin führt.
Schnitt durch die xy-Ebene — das reine p_z-Orbital steht senkrecht dazu und erscheint darin leer.
kanonische Molekülorbitale
- Maximale Abweichung der Dichte
- 0,000
- Gesamtenergie
- −40,52 Hartree
- Dipolmoment
- 0,00 D
- Zahl der Elektronen
- 8
Oben ändert sich alles, unten nichts. Beide Orbitalsätze beschreiben dasselbe Molekül — messbar ist nur, was unten steht.
Was 2013 gemessen wurde
1.000 Nachweise
Gemessen wurde eine Häufigkeitsverteilung aus vielen Einzelereignissen an vielen Atomen. Die Phase ist darin nicht enthalten und kann es nicht sein.
Kapitel 14
Stand 2026
Exkurs: Wie heute gerechnet wird
Exkurs · Stand März 2026 · altert schneller als der Rest des Buchs
Dieses Kapitel ist anders als die dreizehn davor. Was dort steht, gilt seit Jahrzehnten. Was hier steht, ist eine Momentaufnahme vom Frühjahr 2026.
Die Ausgangslage kennen wir aus Kapitel 7: Für kein Molekül gibt es eine exakte Lösung. Jede Rechnung ist eine Näherung, und die Frage ist nur, welche man wählt.
Es gibt zwei große Wege, und sie unterscheiden sich grundsätzlich.
Der erste Weg: mit Wellenfunktionen rechnen.
Man setzt die Beschreibung aus Kapitel 7 an und verbessert sie systematisch — indem man zulässt, dass Elektronen einander tatsächlich ausweichen, statt nur ein gemitteltes Feld zu sehen.
Das funktioniert, und es funktioniert kontrolliert: Man kann die Näherung schrittweise verbessern und weiß, dass man sich der Wahrheit nähert. Das beste gebräuchliche Verfahren dieser Art gilt als Goldstandard und liefert Ergebnisse, die mit Messungen im Rahmen der Messgenauigkeit übereinstimmen.
Der Preis ist der Rechenaufwand, und er ist brutal. Verdoppelt man die Zahl der Atome, steigt die Rechenzeit um den Faktor hundertachtundzwanzig. Nicht das Doppelte. Nicht das Zehnfache.
Damit lassen sich Moleküle mit vielleicht zwanzig bis dreißig Atomen behandeln. Ein Koffeinmolekül geht. Ein Protein nicht, und wird es auch nie.
Der zweite Weg: mit der Elektronendichte rechnen.
Hier liegt eine überraschende Erkenntnis zugrunde, die 1964 bewiesen wurde: Man braucht die Wellenfunktion gar nicht. Die Elektronendichte allein — eine Funktion von nur drei Koordinaten statt von dreien pro Elektron — legt bereits alles fest.
Das ist eine ungeheure Vereinfachung. Statt einer Funktion in dreihundert Dimensionen für ein mittleres Molekül braucht man eine in dreien.
Und jetzt der Haken, und er ist grundsätzlich.
Der Beweis sagt, dass die Dichte alles festlegt. Er sagt nicht, wie. Die Vorschrift, die aus der Dichte die Energie berechnet, ist unbekannt. Man weiß, dass sie existiert. Niemand kennt sie.
Also rät man. Man konstruiert Näherungen für diese Vorschrift, prüft sie an Molekülen mit bekannten Eigenschaften und behält, was funktioniert. Es gibt inzwischen mehrere hundert solcher Vorschriften.
Das ist der Grund, warum diese Methode in der Praxis dominiert — sie ist um Größenordnungen billiger und für viele Zwecke genau genug. Und es ist der Grund, warum sie umstritten ist.
Denn eine Näherung, die an Messwerten angepasst wurde, ist nicht mehr systematisch verbesserbar. Man kann nicht sagen, welcher Fehler bleibt. Man kann nur ausprobieren, ob es bei ähnlichen Fällen funktioniert hat.
2017 erschien eine Arbeit, die zeigte, dass neuere, stärker angepasste Vorschriften zwar bessere Energien liefern, aber schlechtere Elektronendichten — sie treffen also die richtige Antwort zunehmend aus den falschen Gründen. Ob das ein ernstes Problem ist oder eine Nebensächlichkeit, wird bis heute diskutiert.
Was das für die Praxis bedeutet: Wer heute eine Struktur berechnet, bekommt in aller Regel ein brauchbares Ergebnis. Wer eine Reaktionsenergie auf ein paar Kilojoule genau braucht, muss wissen, welche Vorschrift er verwendet und warum — und im Zweifel mehrere ausprobieren und vergleichen.
Und seit einigen Jahren gibt es einen dritten Weg: Man lässt ein neuronales Netz die Ergebnisse teurer Rechnungen nachahmen. Das ist tausendfach schneller und für Systeme brauchbar, die den etablierten Verfahren verschlossen bleiben. Wie verlässlich es außerhalb des Bereichs ist, mit dem es trainiert wurde, ist eine offene Frage — und die Antwort darauf steht im Nachbarband dieses Kompendiums, im Kapitel über Verallgemeinerung.
- Verfahren
- Dichtefunktionaltheorie · N³
- Basisfunktionen insgesamt
- 360
- Relativer Aufwand
- 46,66
- Geschätzte Rechenzeit
- 46,7 min
- Praktisch durchführbar
- ja
Bezug: 100 Basisfunktionen, angenommene Referenzzeit 60 s auf einem Rechenknoten. Die Referenzzeit ist eine Annahme, keine Messung.
- Verdopplung der Systemgröße:
- — DFT · Faktor 8
- — HF · Faktor 16
- — MP2 · Faktor 32
- — CCSD(T) · Faktor 128
Die angegebenen Fehler sind typische Größenordnungen und hängen stark von Funktional, Basissatz und Art der Reaktion ab. Sie ersetzen keine Prüfung am Einzelfall.
Der letzte Term entscheidet über Bindung oder Abstoßung. Sein Vorzeichen ist nicht messbar.
Ein Orbital ist keine Sache, die ein Atom besitzt. Es ist ein Baustein unserer Beschreibung — und ein außerordentlich guter.